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...wie alles begann...

Es gab einen schwarzen Tag in meinem Leben, an dem ich eine Diagnose erhielt, die ich einfach nicht verkraften konnte. Die Diagnose Krebs.

Zu diesem Zeitpunkt war nicht klar, in welchem Stadium ich mich befinde, wie die "5-Jahres-Überlebensrate" ist, ob ich das nächste Jahr überhaupt erlebe. Für mich, damals 27 Jahre alt, ein unglaublicher Schock der mich in ein sehr sehr tiefes Loch riss. Mein damaliger Partner war damit überfordert, konnte mir nicht in dem Maße beistehen, wie ich es gebraucht hätte.

Es folgten Untersuchungen, Krankenhausaufenthalte, Operationen, bis nichts mehr nachweisbar war. Dennoch war diese Krebsart die Aggressivste überhaupt und man mahnte mich an, mein Leben genau zu überdenken. Die Ärzte sagten mir immer wieder, ich solle unbedingt glücklich leben, das hat einen sehr großen Einfluss auf die Genesung. Ich solle undbedingt alles, was mir nicht gut tut aus meinem Leben streichen, Kummer und Stress meiden, schlechte Angewohnheiten ablegen, tun, was ich schon immer tun wollte aber nie getan hab. Ich habe mich allerdings aus meiner Schockstarre nicht befreien können.

Bis ich eines Tages einen Mann traf, der mich auf anhieb umhaute. Er sah super aus, hatte einen vernünftigen Job (in einem vernünftigen Ausbildungsberuf), war redegewandt, kultiviert, nicht einer der typischen Milchbubis und Kinder in Männerkörpern, auf die ich scheinbar eine Anziehungskraft ausübte, und zum ersten Mal seit der Diagnose spürte ich eine positive Gefühlsregung in mir.

Ich spürte sehr genau, dass er auch mir gegenüber nicht abgeneigt war und mit den Worten der Ärzte im Hinterkopf ging ich aufs Ganze, löste mich aus meiner bisherigen Beziehung und genoss mein neues Glück in vollen Zügen.

Er weinte mit mir, er lachte mit mir, er war meine Schulter zum Anlehnen, die ich sooooo lange vermisst und dringend gebraucht hatte. Er begleitete mich zu jedem Nachsorgetermin und stand mir bei, mein Fels in der Brandung. Auch mit meiner Tochter aus früherer Beziehung kam er super klar. Es gab nichts, dass darauf hinwies, dass dieses Glück mal zum Albtraum werden würde.

Dass er damals schon mehr trank als andere, habe ich durchaus wahrgenommen, aber nicht wahrhaben wollen. Selbst als mir bewusst wurde, das Trinken ist nicht nur übertrieben sondern problematisch, dachte ich, wir schaffen das zusammen. Nichts und niemand würde uns auseinander bringen, und schon gar kein Alkohol, es ist doch "NUR" Alk, das kann man bleiben lassen, dafür gibt es Therapien. Ich würde dass notfalls alles mit ihm durchstehen, falls er es nicht alleine schafft. Wie naiv ich doch war. Vielleicht erklärt dass meine besondere Anziehungskraft auf Kindsköpfe und "Sozialfälle"?!

Aber angesprochen habe ich dieses Thema Therapie bis dato noch nicht. Wenn er mal einen zuviel getrunken hatte legte er sich ins Bett und schlief seinen Rausch aus, dann bekam ich ihn den ganzen Abend nicht zu Gesicht. Ich überlegte oft, ob ich ihm den Vorschlag einer Therapie unterbreiten sollte, tat es aber nicht, wie konnte ich auch, er hat soviel für mich getan, er ist ein erwachsener Mann der mitten im Leben steht und sich sicherlich bewusst darüber ist, dass mal was passieren muss, es liegt nicht in meinem Ermessen wann das sein wird.

Fest stand, wenn es soweit ist, würde ich sein Fels in der Brandung sein, werde alles tun, was nötig ist, um ihm alles leichter zu machen.

Es sollte auch nicht lange dauern, bis meine "Hilfe" das erste Mal gefagt war. Sein Chef brachte ihn volltrunken nach Hause. Ich war entsetzt, aber naja, er ist eben ein kranker Mann,  soviel hatte ich begriffen, und ich wollte für ihn da sein und ihm da raus helfen, so wie er mich aus meinem Loch geholt hat.

Ich legte ihn ins Bett, kümmerte mich um ihn, regelte seine Termine und rief den Chef an, und von nun an gab es derartige Komplettabstürze immer öfter, jedoch zeigte er sich nach dem Ausnüchtern immer unglaublich dankbar für meine Unterstützung.

Ab diesem Zeitpunkt ungefähr beschloss ich, aktiv zu werden, und ihm dabei zu helfen, dem Teufel Alkohol abzuschwören, und er sprach auch selbst an dass, es nicht ewig so weiter gehen könne und dass er meine Hilfe bräuchte, um aufzuhören. 

Meine "Hilfe" bestand ab sofort darin, ihn auf eigenen Wunsch hin zu begleiten wo immer er hin ging, damit er keinen Alkohol kauft. Und er begann, trotzdem Mittel und Wege zu finden, um zu trinken. Dabei handelte es sich aber nicht um eine Art "Wohlfühlpegel", wie man das oft von Trinkern hört. Er musste sich immer abschießen. Frei nach dem Motto: Wenn ich schonmal die Gelegenheit habe, dann aber auch bis nichts mehr geht und noch weiter.

Er schaffte es immer häufiger und ich hatte keinen Schimmer, wie. Also fuhr ich härtere Geschütze auf und kontrollierte alles, was er trank. Ich roch am Kaffee, wenn er den Raum verließ, unterzog Limo-und Saftflaschen Geruchs-und Geschmackstests, durchsuchte die Wohnung mindestens einmal täglich nach Schnapsflaschen, durchwühlte sogar den Müll. Und was soll ich sagen, ich wurde IMMER fündig. Seine Verstecke wurden einfallsreicher, meine Suche akribischer, Vorhaltungen, Vorwürfe, Schuldzuweisungen, und am Ende tränenreiche Versönungen, Versprechungen, Erleichterung.

Er wollte nun auch endlich von sich aus zu einer Suchtberatung und eine Langzeittherapie antreten. Ein riesiger Stein fiel mir vom Herzen und ich konnte es kaum erwarten, bis er die nächsten Schritte eingeleitet hatte und er endlich "gesund" werden würde. Ha ha. Darauf konnte ich lange warten, aber dass wusste ich ja damals noch nicht. Und auch, dass ich noch so nah an meine Grenzen kommen würde, dass ich mir wünschte, der Krebs hätte mir dieses Leben erspart.

Fortsetzung folgt.

4.9.13 22:25

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