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-es geht los-

Kaum war ich voller Hoffnung, dass nun bald alles gut wäre, kam der nächste Nackenschlag, unverhofft und schmerzhaft.

Eines Abends stand ein SEK vor der Tür, das Haus war umstellt, meine Güte, was hab ich gezittert vor Angst als der bewaffnete Trupp abends gegen 21:30 Uhr eine gefühlte Sekunde nach Türöffnung meine ganze Wohnung besetzte. Es war kaum Platz für den Hund, so viele Leute waren das! Sie fragten nach ihm, holten ihn aus dem Bett, legten ihm Handschellen an, keiner sagte mir warum, wieso, weshalb. Sie nahmen ihn mit, sagten mir, wo sie ihn hinbrächten, sie könnten mir nichts sagen, ich müsse mich selbst mit den zuständigen Stellen auseinandersetzen.

Wow. Das hat gesessen. Ich zitterte so sehr, dass ich kaum den Computerknopf traf, um den Rechner anzuwerfen und mich schlau zu machen, was meine nächsten Schritte wären, Telefonnummern zu googlen etc. Ich war völlig verwirrt. Ich bekam in dieser Nacht natürlich kein Auge zu, am nächsten Tag kümmerte ich mich bei der Polizei und der JVA um das, was nun zu tun ist. Noch immer sagte mir keiner, warum man ihn festgenommen hatte, die Wahrheit sollte ich auch erst viel, viel später erfahren.

Um es etwas abzukürzen, was ich erfuhr war, dass ein Bewährungswiderruf eingetreten sei und eine Anhörung stattfinden sollte, so lange blieb er in Gewahrsam.  Ich hatte viele Rennereine, brachte den Beamten, was er brauchte, fuhr viele km von JVA zu Gericht, schrieb Briefe um den Richter zu überzeugen, schließlich fand 10 Tage später besagte Anhörung statt und der Richter bat mich, nach der Anhörung (aber vor der Entscheidung) ins Richterzimmer, in dem außer dem Richter und mir noch der Bewährungshelfer saß. Ich war ja noch immer komplett ahnungslos, schnappte nur ein paar Brocken auf von wegen "keine Auflage eingehalten", "nie in Verbindung getreten mit dem Bewährungshelfer", "kein Unbekannter"... trotzdem tat ich alles, um den Richter zu überzeugen.

Wieder zitterte ich wie espenlaub, erzählte davon dass er seit einem halben Jahr trocken sei und andere Lügen und Halbwahrheiten, nur aus Angst ihn zu verlieren.  Es war so ein schock, wie er da rein geführt wurde, von zwei Polizisten mit Hand- und Fußfesseln, die gleichen Klamotten an wie vor 10 Tagen, unrasiert und mit undefinierbaren Flecken im Gesicht. 

Der Richter entschied, er bekäme noch eine Chance. Puh, was war ich erleichtert. Ich kann das Wrack gleich mit nach Hause nehmen und aufpeppeln. Wie co-abhängig ich doch damals schon war, unfassbar!

Es vergingen ein paar Tage und der nächste unangekündigte "Besucher" meldete sich an: Wir erfuhren, dass ich schwanger war! Nach meiner Krebserkrankung sagte mir mein Frauenarzt nach einer Untersuchung, meine Chance auf natürlichem Wege nochmal schwanger zu werden gingen gen 0. Aha. Da hat wohl ein Arzt in Wahrscheinlichkeitsrechnen nicht so doll aufgepasst, oder ich bin ein Glücksschwein. Unerwartetes Glück, zu einem schlechten Zeitpunkt, jedoch trotzdem gewollt. Wir freuten uns. Und statt mir Gedanken zu machen, glaubte ich jetzt mehr denn je er würde es in Angriff nehmen und auch schaffen, dem Kind zuliebe!

Pustekuchen, die Schwangerschaft war ein willkommener Grund, alles hinauszuzögern, schließlich wollte er immer und überall dabei sein. Sagte er. Tat es selten. Aber alles der Reihe nach. Etwa eine Woche nach der frohen Botschaft gerieten wir in Streit, ich weiß nichtmal mehr, worüber, vermutlich Alkohol, aber ich kanns nicht mehr sagen. Woran ich mich hingegen genau erinnere, sind die Worte, die er plötzlich benutzte. Das schlimmste an verbalen Ergüssen, das ich je gehört hatte. Solche Worte aus seinem Mund!

Noch nie hatte er das getan. Und bereits hier beschuldigte er mich das erste mal, während seines Knastaufenthaltes fremdgegangen zu sein, es sei nicht sein Kind. Unglaublich. Ich war am Boden zerstört. 

Nach weiteren 2 Wochen (etwa, so ganz genau kann ich die Zeiten nicht mehr einordnen), begann er mich während Streitigkeiten rumzuschubbsen. Gegen Wände, gegen Möbel. Er warf auch Sachen nach mir. Handys, Zigarettenstopfer, eben dass, was klein und handlich aber schwer genug war um weh zu tun. Das war die Zeit, in der ich nur noch geweint habe.

Ich habe mich mit Händen und Füßen gewehrt, und tatsächlich ließ er dann manchmal von mir ab. Aber es wurde immer schlimmer, der Bauch wuchs, seine Aggressionen auch, er schleifte mich an meinen Haaren durch die Wohnung, schlug mit der Faust auf meinen Körper ein (hier noch nicht ins Gesicht) und trat auch schonmal zu. Es zermürbte mich unglaublich.

Immer öfter floh ich mit fadenscheinigen Ausreden zu meiner Mutter oder schief die ganze Nacht im Auto, im Winter bei teilweise -15°c. Die Entschuldigungen nach den Exzessen sparte er sich mittlerweile. Er war wie ausgewechselt, so wie man von einigen sagt "nach der Hochzeit ist alles anders" war es bei uns mit der Schwangerschaft. So als dächte er "jetzt hat sie nen Braten in der Röhre, jetzt läuft sie nicht mehr so schnell weg". 

Ab und an lies er dann doch noch mal ein "Sorry für gestern" erklingen, gepaart mit der Aussage: "wenn der Kleine da ist geh ich zur Therapie". Ich erinnere mich noch an ein Erlebnis, das erste Mal, dass er ins Gesicht schlug.

 Ich hatte mal wieder eines seiner Verstecke ausgehoben, eins führte zum anderen, ich bettelte ihn weinend an zu gehen, und ich hatte den Satz "das ist meine Wohnung" noch nicht ganz ausgesprochen da sah ich wie er ausholte so weit er konnte und seine Faust in die Richtung meines Gesichts schnellte. Ich wollte mich noch wegdrehen, aber er erwischte meinen Wangenknochen rechts. Ich war kurz benommen, fiel zu boden, sammelte mich, rappelte mich auf alle viere und sah schon das Blut in großen Tropfen auf den Fliesenboden unseres Flures platschen. Ich stand weinend und völlig apatisch stammelnd auf, an der Badtür hing ein Ganzkörperspiegel. Meine ganze Gesichtshälfte war dick geschwollen, der Augenring bläulich, der Kiefer blau, die Lippe aufgeplatzt, ein Stück Zahn abgebrochen, das Blut floss mir am Kinn runter. Ich weiß nicht, wie er mich getroffen hat, das er mit einem Schlag derartige Verletzungen hervorrufen konnte. Er verschwand aus der Wohnung mit den Worten "das wollte ich nicht". Ich weinte. Ich rief keine Polizei, ging zu keinem Arzt. Ich weiß nicht, warum. 

Das war der Tag vor meiner großen Prüfung vor der IHK. So musste ich also morgen da hin gehen, alle Kollegen würden mich so sehen. Stunden später tauchte er auf, granatenvoll, mit ner Flasche Klarem in der Hand, die er vor der Tür auskippte, "Das passiert nie wieder, ich geh zur Therapie".  Nach einigen Diskussionen ließ ich ihn rein. Ich weiß nicht, warum. Diesen Satz werdet ihr vermutlich noch öfter lesen.

1 Kommentar 8.9.13 22:04, kommentieren

...wie alles begann...

Es gab einen schwarzen Tag in meinem Leben, an dem ich eine Diagnose erhielt, die ich einfach nicht verkraften konnte. Die Diagnose Krebs.

Zu diesem Zeitpunkt war nicht klar, in welchem Stadium ich mich befinde, wie die "5-Jahres-Überlebensrate" ist, ob ich das nächste Jahr überhaupt erlebe. Für mich, damals 27 Jahre alt, ein unglaublicher Schock der mich in ein sehr sehr tiefes Loch riss. Mein damaliger Partner war damit überfordert, konnte mir nicht in dem Maße beistehen, wie ich es gebraucht hätte.

Es folgten Untersuchungen, Krankenhausaufenthalte, Operationen, bis nichts mehr nachweisbar war. Dennoch war diese Krebsart die Aggressivste überhaupt und man mahnte mich an, mein Leben genau zu überdenken. Die Ärzte sagten mir immer wieder, ich solle unbedingt glücklich leben, das hat einen sehr großen Einfluss auf die Genesung. Ich solle undbedingt alles, was mir nicht gut tut aus meinem Leben streichen, Kummer und Stress meiden, schlechte Angewohnheiten ablegen, tun, was ich schon immer tun wollte aber nie getan hab. Ich habe mich allerdings aus meiner Schockstarre nicht befreien können.

Bis ich eines Tages einen Mann traf, der mich auf anhieb umhaute. Er sah super aus, hatte einen vernünftigen Job (in einem vernünftigen Ausbildungsberuf), war redegewandt, kultiviert, nicht einer der typischen Milchbubis und Kinder in Männerkörpern, auf die ich scheinbar eine Anziehungskraft ausübte, und zum ersten Mal seit der Diagnose spürte ich eine positive Gefühlsregung in mir.

Ich spürte sehr genau, dass er auch mir gegenüber nicht abgeneigt war und mit den Worten der Ärzte im Hinterkopf ging ich aufs Ganze, löste mich aus meiner bisherigen Beziehung und genoss mein neues Glück in vollen Zügen.

Er weinte mit mir, er lachte mit mir, er war meine Schulter zum Anlehnen, die ich sooooo lange vermisst und dringend gebraucht hatte. Er begleitete mich zu jedem Nachsorgetermin und stand mir bei, mein Fels in der Brandung. Auch mit meiner Tochter aus früherer Beziehung kam er super klar. Es gab nichts, dass darauf hinwies, dass dieses Glück mal zum Albtraum werden würde.

Dass er damals schon mehr trank als andere, habe ich durchaus wahrgenommen, aber nicht wahrhaben wollen. Selbst als mir bewusst wurde, das Trinken ist nicht nur übertrieben sondern problematisch, dachte ich, wir schaffen das zusammen. Nichts und niemand würde uns auseinander bringen, und schon gar kein Alkohol, es ist doch "NUR" Alk, das kann man bleiben lassen, dafür gibt es Therapien. Ich würde dass notfalls alles mit ihm durchstehen, falls er es nicht alleine schafft. Wie naiv ich doch war. Vielleicht erklärt dass meine besondere Anziehungskraft auf Kindsköpfe und "Sozialfälle"?!

Aber angesprochen habe ich dieses Thema Therapie bis dato noch nicht. Wenn er mal einen zuviel getrunken hatte legte er sich ins Bett und schlief seinen Rausch aus, dann bekam ich ihn den ganzen Abend nicht zu Gesicht. Ich überlegte oft, ob ich ihm den Vorschlag einer Therapie unterbreiten sollte, tat es aber nicht, wie konnte ich auch, er hat soviel für mich getan, er ist ein erwachsener Mann der mitten im Leben steht und sich sicherlich bewusst darüber ist, dass mal was passieren muss, es liegt nicht in meinem Ermessen wann das sein wird.

Fest stand, wenn es soweit ist, würde ich sein Fels in der Brandung sein, werde alles tun, was nötig ist, um ihm alles leichter zu machen.

Es sollte auch nicht lange dauern, bis meine "Hilfe" das erste Mal gefagt war. Sein Chef brachte ihn volltrunken nach Hause. Ich war entsetzt, aber naja, er ist eben ein kranker Mann,  soviel hatte ich begriffen, und ich wollte für ihn da sein und ihm da raus helfen, so wie er mich aus meinem Loch geholt hat.

Ich legte ihn ins Bett, kümmerte mich um ihn, regelte seine Termine und rief den Chef an, und von nun an gab es derartige Komplettabstürze immer öfter, jedoch zeigte er sich nach dem Ausnüchtern immer unglaublich dankbar für meine Unterstützung.

Ab diesem Zeitpunkt ungefähr beschloss ich, aktiv zu werden, und ihm dabei zu helfen, dem Teufel Alkohol abzuschwören, und er sprach auch selbst an dass, es nicht ewig so weiter gehen könne und dass er meine Hilfe bräuchte, um aufzuhören. 

Meine "Hilfe" bestand ab sofort darin, ihn auf eigenen Wunsch hin zu begleiten wo immer er hin ging, damit er keinen Alkohol kauft. Und er begann, trotzdem Mittel und Wege zu finden, um zu trinken. Dabei handelte es sich aber nicht um eine Art "Wohlfühlpegel", wie man das oft von Trinkern hört. Er musste sich immer abschießen. Frei nach dem Motto: Wenn ich schonmal die Gelegenheit habe, dann aber auch bis nichts mehr geht und noch weiter.

Er schaffte es immer häufiger und ich hatte keinen Schimmer, wie. Also fuhr ich härtere Geschütze auf und kontrollierte alles, was er trank. Ich roch am Kaffee, wenn er den Raum verließ, unterzog Limo-und Saftflaschen Geruchs-und Geschmackstests, durchsuchte die Wohnung mindestens einmal täglich nach Schnapsflaschen, durchwühlte sogar den Müll. Und was soll ich sagen, ich wurde IMMER fündig. Seine Verstecke wurden einfallsreicher, meine Suche akribischer, Vorhaltungen, Vorwürfe, Schuldzuweisungen, und am Ende tränenreiche Versönungen, Versprechungen, Erleichterung.

Er wollte nun auch endlich von sich aus zu einer Suchtberatung und eine Langzeittherapie antreten. Ein riesiger Stein fiel mir vom Herzen und ich konnte es kaum erwarten, bis er die nächsten Schritte eingeleitet hatte und er endlich "gesund" werden würde. Ha ha. Darauf konnte ich lange warten, aber dass wusste ich ja damals noch nicht. Und auch, dass ich noch so nah an meine Grenzen kommen würde, dass ich mir wünschte, der Krebs hätte mir dieses Leben erspart.

Fortsetzung folgt.

4.9.13 22:25, kommentieren

Das erste Mal

Heute schreibe ich zum ersten Mal in meinen Blog. Ich habe lange überlegt, wie ich verarbeiten kann, was passiert ist in den letzten Jahren, und nachdem ich mich bei mehreren Anlaufstellen nicht verstanden gefühlt habe wollte ich ein Tagebuch schreiben. Keines aus Papier, dass hier rumliegt und womöglich mal gefunden und gelesen wird. Darum ein Blog. Ich weiß nicht, ob ihn jemals jemand liest, und dass ist auch nicht sein Zweck, jedenfalls nicht für mich. Ich möchte hier meine Geschichte aufschreiben in der Hoffnung, dass es ein Stück zu meiner Heilung beiträgt, als Mahnmal für mich selbst wenn ich drohe einzuknicken, als Therapie, alles nochmal in sicherer Umgebung zu erleben und nie wieder dieses beschissene Helfersyndrom durchkommen zu lassen, nie wieder eine CO zu sein. Meine Geschichte ist eine, wie sie viele erlebt haben, erleben und noch erleben werden. Ich bin eine Frau, die von ihrem Partner psychische und körperliche Gewalt erfahren hat und zum Teil noch erfährt. Ich bin eine Co-Abhängige, die, obwohl selbst dem Alkohol und den Drogen nicht verfallen, der Krankheit "Sucht" einfach nicht entwischen kann. Noch nicht. Aber mein Weg hat begonnen. Heute Abend werde ich anfangen, chronologisch aufzuarbeiten was ich nie hätte zulassen dürfen. Bis dahin.

3 Kommentare 4.9.13 16:29, kommentieren